Stadtrendite? Stadternte!

Berlin zählt zu den weltweit ersten 100 Städten, die Ende 2015 dem “Milan Urban Food Policy Pact” beigetreten sind. Der Vertrag verpflichtet die Stadt, für die nachhaltige und zukunftsfähige Versorgung ihrer BürgerInnen mit Lebensmitteln Verantwortung zu übernehmen. Diese Verpflichtung mag ungewöhnlich erscheinen. Kommen unsere Lebensmittel denn nicht aus den Supermärkten? Wozu dann “kommunale Ernährungspolitik”?

Tatsächlich ist es noch gar nicht so lange her, dass “Ernährung” auch eine kommunale Aufgabe war, denken wir an Großmärkte und Markthallen, Schlachthöfe und Kühlhäuser, Transportwege und Logistik – bis hin zu den täglichen Milchrationen in den Schulen. Erst in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts ist die Ernährungsfrage vollständig von der städtischen Agenda verschwunden – und seitdem der Lebensmittelindustrie und den Handelskonzernen überantwortet.

Heute drängt die Ernährungsfrage jedoch zurück auf die städtische Bühne. Die Kommunen sind von den Auswirkungen direkt betroffen, die unsere Art und Weise der Produktion und Konsumption von Lebensmitteln mit sich bringt. Dazu zählen die Folgen des globalen Klimawandels für die Städte, ein dramatischer Anstieg der ernährungsbedingten Krankheitskosten, neue Herausforderungen in der Außer-Haus- und Gemeinschaftsverpflegung, die Abfall- und Entsorgungsproblematik und nicht zuletzt der Druck auf die städtischen Liegenschaften und Verkehre.

International hat sich die Sichtweise durchgesetzt, dass “Ernährung” nicht nur eine Angelegenheit der einzelnen BürgerInnen ist, sondern ein komplexes System der Versorgung – wie Mobilität, Gesundheit, Energie oder Wohnen. Daher haben in den USA, Kanada und Großbritannien bereits vor Jahren viele Städte begonnen, langfristige Strategien für alle mit der Ernährung verbundenen Fragen und Aufgaben auszuarbeiten.

Deutschland steht hier noch ganz am Anfang. München, Nürnberg, Hamburg und andere haben sich zum Netzwerk der Bio-Städte zusammengeschlossen und entwickeln langfristige Strategien in der regionalen Land- und Ernährungswirtschaft für eine bessere Versorgung der BewohnerInnen.

In Berlin haben sich vor etwa drei Jahren BürgerInnen, Politik und Verwaltung aufgemacht, “Ernährung” in die Stadt und die Bezirke zurückzuholen. Dazu zählen die Senatsinitiative “Forum Gutes Essen”, die Gründung des Berliner Ernährungsrats sowie entsprechende Vereinbarungen im Koalitionsvertrag der Regierungsparteien, darunter die Erarbeitung eines Stadtentwicklungsplans im Bereich der Ernährung. Vielfach sind die Bezirke bereits mit Fragen der Ernährungspolitik befasst, ohne diese als solche zu benennen, etwa in der Jugend- oder Gesundheitspolitik. Es besteht deutliches Interesse bei vielen Akteuren, “Ernährung” systematischer vor Ort in der bezirklichen Praxis zu berücksichtigen.

Viele BürgerInnen wirken auf die ein oder andere Weise bereits an einer ernährungsproduktiven Stadt mit: Sie engagieren sich in interkulturellen Gärten, bauen vermehrt Obst und Gemüse an, vermehren Saatgut, halten Bienen, stärken mit ihrem Geld gezielt das lokale Lebensmittelhandwerk, gründen Food-Coops und Pop-up-Bauernmärkte in Hinter­höfen und auf Plätzen, vernetzen sich mit Bäuerinnen und Bauern im Umland, nutzen Essen als soziales Medium im ehrenamtlichen Engagement u.v.m.

Von diesen Aktivitäten profitiert die Stadt, denn sie stärken den sozialen Zusammenhalt und die Eigenverantwortlichkeit der StadtbewohnerInnen. Sie bieten niedrigschwellige und praktische Formen von Bildung zu Umwelt, Klima und Nachhaltigkeit. Sie stärken die Resilienz, die Fähigkeit der Stadt, auf Herausforderungen und Probleme solidarisch und kreativ zu reagieren. Sie schaffen die “Stadternte”.

Was kann die Bildungsarbeit zu tun, um diese Stadternte weiter zu fördern?

– Vernetzung ermöglichen: Akteure auf den verschiedenen Ebenen (Politik, Verwaltung, Zivilgesellschaft) müssen sich austauschen, um “Ernährung” als Querschnittsthema in der Stadt und den Bezirken einzubringen.

– BürgerInnen empowern: Die komplexe Gemengelage von Ernährung, Umwelt, Klima, Gesundheit, Genuss und Teilhabe muss Bestandteil einer sozialen und ökologischen Stadtentwicklungspolitik werden. Bildungsarbeit muss erfahrbar machen, wie Veränderungen des individuellen Lebens- und Ernährungsstils und die Transformation gesellschaftlicher Strukturen zusammenhängen.

– Beteiligung ermutigen: Politik und Verwaltungen müssen ermutigt werden, die BürgerInnen der Stadt als Ernährungssouverän ernst zu nehmen. Die Entwicklung einer kommunalen Ernährungsstrategie braucht eine breite BürgerInnenbeteiligung.

Überarbeiteter Beitrag zur Festschrift “70 Jahre Bildung für Demokratie” des August Bebel Instituts. Das Institut ist eine Einrichtung der politischen Bildung, die 1947 von sozialdemokratischen Zeitungsverlegern in Berlin gegründet und von den Alliierten lizensiert wurde, um nach dem Faschismus Menschen für die Kommunalpolitik zu qualifizieren.

Stadtrendite? Stadternte!

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